Abwertende Kritik, Respektlosigkeit, Rückzug

Im Alltag eines Paares entwickelt einer der Partner oft Gewohnheiten, die den anderen zur Weißglut treiben, oder auch in eine tiefe Frustration. Der zunächst Angegriffene reagiert dann oft mit ebenso destruktiven Mustern von Aggression bis hin zum totalen Rückzug.

Für den amerikanischen Paartherapeuten John Gottman sind diese Mischung aus abwertender Kritik, verächtlichem Reden, emotionaler Verteidigung bis hin zum sich komplett Verschließen jene vier Verhaltensweisen, die eine Beziehung am Meisten schädigen können.

Oft merkt man es selber gar nicht, wie schlimm man sich verhält, weil man auf Grund der eigenen Sozialisation das eigene Verhalten als ganz “normal” beurteilt. Der Partner bzw. die Partnerin weiß dann oftmals nicht, wie er/sie sich verhalten soll und verliert sich häufig ebenfalls in destruktive Muster.

Lösungsansätze auf unterschiedlichen Ebenen

Um hier zu einer konstruktiven Entwicklung zu kommen, sollten Sie zwei Ebenen unterscheiden: Die Sachebene und die Beziehungsebene.

Die Sachebene

Auf der Sachebene geht es darum, ob ein Partner wirklich Recht hat, wenn er meint, der andere sollte sich anders verhalten, bestimmte Regeln einhalten oder etwas anders, besser oder schneller machen.

Natürlich hat jeder Mensch das Recht, Dinge auf die eigene Art zu machen. Manche reagieren auf Kritik allerdings grundsätzlich allergisch und hören dann gar nicht mehr hin, was der andere sagt. Damit negieren sie die Sachebene oder ihre eigene Fähigkeit, sich Vorschläge in Ruhe anzuhören.

Empfehlungen für Sie beide

  1. Als Kritisierte(r): Wenn Sie wegen einer Sache Kritik ernten, dann prüfen Sie ruhig, ob nicht doch etwas dran ist. Warum sollten wir Dinge nicht pünktlicher,  eleganter, einfacher, sicherer oder effektiver machen?
  2. Als Kritiker(in):  Achten Sie darauf, dass Sie Ihre Vorschläge freundlich und sachlich übermitteln, wenn Sie wirklich etwas erreichen wollen. Wenn Sie das nicht können, dann müssen Sie damit rechnen, dass sich der andere gegen Ihren Ton verwehrt und dann nicht mehr gut zuhört.

Die Beziehungsebene

So wie Eltern in ihrer Autorität über ihre Kinder gestellt sind, so erhebt sich ein vorwurfsvoller Kritisierer über den anderen. Dementsprechend reagiert der Partner oft unbewusst wie ein rebellisches Kind, und der Streit ist perfekt. In diesem destruktiven Muster sind dann beide unbewusst gefangen.

Empfehlung für den Kritiker

Ihr größtes Entwicklungspotenzial liegt im Respekt vor der Freiheit des anderen.

Über Sie sich darin, sich jede Kritik zu verkneifen, und statt dessen zu denken: Du machst es auf deine Art, und das ist ok. Es ist nicht meine Aufgabe mich einzumischen!

Wenn Sie wirklich eine phänomenale Idee haben sollten, wie etwas besser zu machen wäre, dann fragen sie: “Du, ich hätte eine Idee, willst du sie hören?” Wenn der/die andere Nein sagt, behalten Sie Ihre Idee für sich.

Seien Sie besonders achtsam, wenn bereits eine gewisse Spannung in der Luft liegt.

Wenn es Ihnen einmal doch passieren sollte, dass sie am anderen herumkritisieren, entschuldigen Sie sich sofort, wenn Sie den Widerstand des Partners spüren: “Sorry, tut mir leid. Es war nicht böse gemeint!”

Das ist auch meine Empfehlung, wenn Kritisieren zu ihrer Krise geführt hat: Entschuldigen, Besserung versprechen, und das Ganze als Lernchance für die eigene Persönlichkeit sehen.

Empfehlung für den Kritisierten bzw. die Kritisierte

Bleiben Sie entspannt und fühlen Sie sich nicht gleich angegriffen.

Üben Sie, Ihre Ablehnung der Einmischung freundlich aber sicher auszudrücken. Aggressives Zurückreden ist kein Zeichen von Selbstbewusstsein!

Danke, aber ich möchte das auf meine Art machen!” ist eine gute Antwort.

Stellen Sie sicher, dass Sie den Partner durch Schlampereien und Unpünktlichkeit nicht unbewusst provozieren.

Seien Sie bei einem Gespräch über diese Themen besonders behutsam. Denken Sie daran, dass es sich wahrscheinlich um ganz alte Muster handelt und ihre beiden Verhaltensweisen wahrscheinlich sehr eng miteinander verknüpft sind.

Der Vorteil: Einen Kritiker als Partner zu haben ist wirklich eine gute Gelegenheit, das eigene Selbstbewusstsein zu trainieren, also freundlich und entspannt zu reagieren.

Hier kommen Sie zur Gesprächsvorlage für Ihren Dialog.